MRG-Erinnerungen an die Jahre nach 1960

Werner “Billy” Schäfer

Im Folgenden berichtet Werner “Billy” Schäfer über seine Zeit in der Mainzer Ruder-Gesellschaft 1898. Seine Erinnerungen beginnen im Jahr 1960.

Autobiografische Erinnerungen: Jugend, Sport und Freunde fürs Leben.

Einleitung

Wir trafen uns zu unserem 75er gemeinsam in meiner Heimatstadt Mainz am Rhein, mein bester Freund Wolfgang und ich. Seit unserem 15. Lebensjahr kennen wir uns. In Erinnerungen schwelgend und bei einigen Fläschchen Silvaner holten wir doch die eine oder andere Episode, die wir gemeinsam, teils mit unseren andern beiden Ruderfreunden aus dem Jugend Vierer erlebten, in unser Gedächtnis zurück. Dabei konnte ich feststellen, dass wir beide zwar im Groben die gleichen Erinnerungen hatten, aber doch in manchen Episoden unterschiedliche Wahrnehmungen nach der langen Zeit. Mit Ergänzungen der Dinge, hatten wir beide dann aber für uns selbst erstaunend feststellen müssen, wie ausgefüllt, umfangreich und abenteuerlich unsere gemeinsame Jugend gewesen ist. Da wir die heutigen Errungenschaften, was Fortschritt, modernes Zahlungswesen, Navigation im Auto, Google und andere Luxusdinge noch nicht in den 60er Jahren kannten, vermissten wir diese auch nicht. Wir mussten selbst alles, was wir wissen wollten, selbst angehen. Jede Unternehmung war ein kleines Abenteuer, schade für die heutige Zeit, dass die Jugend so behütet und abgesichert aufwachsen muss. Wir treffen uns seit mehr als 60 Jahren mehrmals im Jahr, jedes Mal können wir ein gutes, erfolgreiches und ausgefüllten Leben Revue passieren lassen.

Letztes Mal, im Sommer 2018 bei meinem Besuch in Wackernheim war es wieder mal an der Zeit einiges gedanklich auszutauschen, wobei viele gemeinsame Ergänzungen und manch vergessene, aber sehr amüsante Episoden unseres gemeinsamen Erwachsenenwerdens zu Tage, bzw. zur Nacht kamen.

Da auch mein Gedächtnis einiges verdrängt und dafür wiederum anderes vergisst, meistens aber das Gewesene beschönigt, kam nach einigen Bierchen im Garten meines Freundes, wo auch mittlerweile nach all den langen Jahren die Bäume und Pflanzen wunderbaren Schatten spendeten, der Wunsch an mich, doch mal das Erlebte nieder zu schreiben. Ich habe versucht mit meinen Worten einen richtungsweisenden Teil meines Lebens schriftlich wieder zu geben.

1. Erste Freunde in der MRG

Wir hatten am gleichen Tag, den Wunsch zum Rudern zu gehen. Wir trafen uns beim Bootshaus der Mainzer Ruder Gesellschaft auf der Ingelheimer Au, um uns dort mal zu erkundigen, ob wir rudern dürfen. Bei mir war es zunächst mal Neugier, denn mein Cousin Franz Dieter, der immer mächtig angab, was für ein toller Ruderer er sei, obwohl er, zwar 2 Jahre älter als ich, doch im Vergleich zu meiner körperlichen Statur ziemlich schwach aussah. Bei Wolfgang war es der Wohnungsnachbar, der im gleichen Boot ruderte wie mein Cousin, welcher ihn auch zum Ruderhaus mitnahm.

1.1. 1960 Stilrudern und Skat, MRG 72 am Neuanfang

An einem warmen Frühsommertag 1960 sahen wir uns, Wolfgang Perske und ich, gleicher Jahrgang 1945, zufällig am alten Bootshaus der MRG 1902, ein traditioneller Arbeiter Ruderverein auf der Mainzer Ingelheimer Aue. Das Bootshaus war ein ehemaliges Wehrmachtsgebäude, nicht viel größer als ein Wärterhaus. Es stand auf dem Gelände der Papierfabrik von Hans Klett, bekannt als Hersteller von Hakle Toilettenpapier. Der legendäre Karnevalist Bonewitz aus Gonsenheim war dort als Werbefachmann tätig. Von ihm stammte der Werbespruch: “„Hakle, die aus Mainz”. Daneben war die Fa. Werner und Merz, bekannt als Erdal Schuhcreme und auch die Fa. Blendax, Zahnpasta. Im angrenzenden Industriepark, ebenfalls am Hafen auf der Mombacher Seite siedelten sich in den Aufbruchsjahren noch Nestle mit der Kaffeerösterei und einige Rohstoffproduzenten mit ihren Lagerstätten an. Die Abwässer und die Abluft waren weder gefiltert noch gereinigt. Manchmal stank es doch sehr, vermischt mit dem Kaffeeröstduft von Nestle.

Zu dieser Zeit fingen wir also mit der Ruderei an. Der dortige Trainer Ernst Nikolai war eigentlich am Rennrudern wenig interessiert, hatte er doch einen charmanten Frauenvierer zu betreuen. Zu diesem Zeitpunkt waren diese auch erfolgreich im Damen-Stilrudern, eine Abwandlung des Rennrudersportes. Stilrudern gibt es meines Wissens heute nicht mehr. Die älteren Ruderkameraden im Verein waren schon in der Jungmann Klasse, und bereits mehr oder weniger mit diesen jungen Damen liiert. Wir begannen als Jugendruderer. Man erkennt schon, dass in unserem Verein der MRG der Spaß an der Freud im Vordergrund stand, wer hartes Rennrudern betreiben wollte, ging damals zum MRV, dem Mainzer Ruderverein, das war und ist der Verein der Mainzer Oberklasse und der Geschäftsleute. Tennis, damals so angesehen, wie heute das Golfen, konnte man beim MRV auch spielen. Es gab noch den MRC, der am Winterhafen sein Bootshaus hatte. Der Mainzer Ruder Club war ein Vorstadtverein am Winterhafen, dort war auch der Sitz des Angelvereins “die Mackelcher”.

Ich weiß das noch genau, weil mein Onkel von mir, Herr Bauer, er hatte ein Herrenfriseurladen im Graben, dort aktiv dem Angelsport zugetan war. Zum Angeln fuhren sie mit einem Boot in den Altrhein nach Gustavsburg, gegenüber des Winterhafens. Also wir, die MRG, waren die Underdogs, ein Arbeiterverein. Was uns an finanziellen Mitteln fehlte, glichen wir durch Geselligkeit, deshalb hießen wir auch Mainzer Ruder-Gesellschaft, und Freundschaften aus. Kurz gesagt, ich fühlte mich vom ersten Tag dort wohl, wurde angenommen und bald darauf auch anerkannt.

Wolfgang, mit dem ich mich gleich anfreundete und ich, hatten das Bedürfnis zu rudern. Wir waren sehr ehrgeizig und wollten natürlich so schnell wie möglich „auf die Regatta“, wie man damals sagte. Wir trafen noch Erich Dieckmann und noch zwei andere Aspiranten, die aber recht bald durch Wolfram Hellbauer aus Weisenau ersetzt wurden. Jetzt waren wir vier eine Mannschaft. Der Bootspark war veraltet, die vorhandenen zwei bis drei rennfähigen Ruderboote waren von den bereits älteren Ruderer belegt.

Unsere Anfänge begannen wir in der dunklen, ungeheizten Bootshalle. Auf staubigem Betonboden saßen wir abwechselnd auf dem Ruderkasten, rollten mit dem Holzruder auf dem quietschenden Rollsitz hin und her und fuhren im Geiste bereits unsere Rennen gegeneinander. Krafttraining, wie wir es heute kennen, war verpönt. Wir hatten eine Eisenstange, an die Wolfgang, der zu diesem Zeitpunkt eine Schlosserlehre absolvierte, zwei Eisenplatten anschweißte, diese wurde dann bis zur Erschöpfung von uns gestemmt und gestoßen.

Wir verbrachten unsere Freizeit von nun an im Bootshaus, dort gab es auch einen Jugendraum, den wir uns nach unserem Geschmack einrichten durften. Die Älteren, besonders die jungen Fräuleins aus dem StilruderVierer, veranstalteten regelmäßig Tanzabende im Bootshaus. Zu dieser Zeit war unser Kassier im Vorstand beruflich der Geschäftsführer eines der größten Bierlokale in Mainz. Das war am Hauptbahnhof das Gasthaus zum Oberbayer. Dort gab es Bayerisches Bier im Maßkrug, Grillhändel und zünftige Blasmusik. Von dort bekamen wir eine Musikbox zur Verfügung gestellt, die wir mit unseren 45er Schallplatten selbst bestücken konnten. Dazu wurde ein Mechanismus eingebaut, der uns das eingeworfene 10-Pfennig Stück wieder zurückgeben konnte. Schüchtern und brav im Anzug ging ich zu diesen Clubabenden, bei denen wir die ersten Tanzschritte versuchten. Die etwas älteren Ruderer hatten ihre Freundinnen dabei, auch waren die Töchter der Vorstandsmitglieder stets im Bootshaus zu finden. Man versuchte mir einige Tanzschritte beizubringen, ich merkte aber gleich, tanzen liegt mir nicht. Trotzdem hatten wir unseren Spaß.

Da wir alle zu diesem Zeitpunkt unmotorisiert waren, ein Fahrrad zu besitzen war schon die Krönung, beschlossen mein Freund Wolfgang und ich, bereits schon von zu Hause bis zur Auspitze täglich zum Bootshaus zu laufen. Joggen nennt man das jetzt. Und natürlich nach dem Training wieder zurück. Ich wohnte damals in Mainz Kastel, war Gymnasiast in Mainz. Kastel liegt rechtsrheinisch, also täglich über die Straßenbrücke Theodor Heuss oder die Eisenbahnbrücke bei Amöneburg. Bald war die Ingelheimer Aue unsere neue Heimat.
In der Freizeit lagen wir am Rhein auf der Pritsch, wie in Mainz der Bootsteg heißt und hörten Radio Luxemburg mit Frank Elstner. Zu diesem Zeitpunkt konnte man noch ungefährdet im Rhein schwimmen, leider erfanden die Chemiewerke Höchst, nahe bei Frankfurt die Kunstfaser auf Acetat Basis, das Hostalen, für Kunstoffbecher und Geschirr usw. Viele können sich noch bestimmt an die Nyltest Hemden erinnern, die in der Disco unter dem Neonlicht zwar hell glänzten, aber auch unter leichtester Schweißbildung am Körper, was sich ja besonders beim Tanzen nicht vermeiden lässt, fürchterlich stanken. Man stank wie ein alter Fisch, und “Geruch” dazu zu sagen, wäre stark verniedlicht.

Durch die neue Chemie und die noch nicht vorhandene Abwasserbehandlung, wie sie heute Vorschrift ist, schwammen bald meterhohe Schaumberge auf dem Main, und danach mit der Strömung in den Rhein. Das große Fischsterben unter Ermangelung von Sauerstoff im Wasser begann. Ab jetzt vermieden wir es strikt weiterhin im Rheinwasser zu schwimmen. Wenn man im Boot durch Unachtsamkeit oder einer hohen Welle mal Wasser an den Körper oder sogar ins Gesicht spritzte, musste man, mit dem mitgeführten Lappen oder Handtuch sich sofort abwischen, wenn man keinen Hautausschlag bekommen wollte. Das waren die Schattenseiten des aufstrebenden Deutschlands und gehörten auch zum Thema Wirtschaftswunder. Ich habe Galvaniseur gelernt, nach den heutigen Umweltvorschriften hätte dieser Lehrbetrieb nicht existieren dürfen. Damals war aber das allgemeine Umweltbewusstsein noch in den Kinderschuhen. Was man nicht messen und nachweisen konnte, war zu diesem Zeitpunkt auch ungefährlich für Wasser, Luft und Natur. Basta. So viel nebenbei, ich will aber nicht jammern, wir hatten eine ungetrübte, abwechslungsreiche Jugend. Alles was man noch nicht wusste, musste man selbst erfahren und erlernen. Es gab noch kein Google, das kam unserem Tatendrang sehr entgegen.

Wie ging es weiter? Hakle benötigte im Zuge einer Produktionsstätten Erweiterung das Gelände, auf dem unser altes Bootshaus stand. Dafür bekamen wir nicht weit stromabwärts, Richtung Auspitze ein Gelände von der Stadt Mainz zugewiesen, auf das wir ein neues Bootshaus bauen konnten. Unser damaliger Vorstandsvorsitzender Herr Wührer holte sich noch ein paar Fachleute ins Boot und plötzlich ging ein Ruck durch das ganze Vereinsleben. Alle Mitglieder, auch wir Jungs, halfen wo es nur ging. Wir waren mit Schaufel und Schubkarre eifrig dabei, dass die Grundrisse unseres neuen Bootshauses bald gemauert werden konnten. Jeder konnte aufgrund seiner Ausbildung und Fähigkeiten dazu beitragen und es entstanden schon bald sehr große und gemütliche Clubräume. Dazu ein Bootslagerplatz, der geradezu danach schrie mit neuen Rennbooten und Übungsbooten bestückt zu werden. Die Einweihung des Bootshauses war für die Mainzer RG ein großes Ereignis. Nun hieß es auch durch Kraft und Einsatz den Bekanntheitsgrad im ganzen Rheinland zu steigern. Unser Jugend-Vierer, der stark besetzt war, sodass wir viele Rennen hintereinander gewannen, konnte auch etwas zu dieser Akzeptanz beitragen.
Die MRG alleine konnte dieses große Bauvorhaben nicht stemmen und man beschloss, sich mit dem Mainzer Ruder Club am Winterhafen, der ebenfalls eine neue Bleibe suchen musste, zu fusionieren.

II. Kapitel: Willi Wenz

Mit der Fusion MRG 1902 und MRC 1898 zu MRG 1898 hatten wir im neuen Bootshaus plötzlich Rennruderbetrieb. Unser neuer Trainer, Herr Willi Wenz, ein ehemaliger Meisterruderer und Schlagmann des damals sehr bekannten Ruder Achters aus Rüsselsheim, war unser neuer gemeinsamer Trainer. Ein Familienmitglied der damaligen Adam Opel AG, ich glaube es war Fritz von Opel, war ebenfalls in dieser Mannschaft.
Diese Mannschaft, so erzählte mir mein Opa aus Kostheim, sammelte Geld, um an der Internationalen Henley Regatta auf der Themse bei London teilnehmen zu können. Rudern, damals und auch noch zu unserer Zeit, war ein reiner Amateursport. Jegliche Werbung am Boot oder am Trikot war strikt verboten. Opel hatte damals eine eigene Bootswerft, die Opelit Bootswerft für Ruderboote, die Familienmitglieder der Opel AG waren sehr am Rudersport interessiert. Auch Irmgard von Opel, die Mutter von Gunther Sachs (Fichtel und Sachs Kugellagerfabrik in Schweinfurt) unterstützte den Sport sehr. Irmgard besaß auch die Kapselfabrik in Laubenheim, dort wurden die Kapseln aus Blei, die über die Korken der Weinflaschen gezogen wurden, hergestellt. Alle Flaschen wurden ja damals noch verkorkt und man gönnte sich den Luxus, die Korken noch zu verkapseln. Heute wäre die Firma vermutlich ein Betrieb zu Herstellung der Schraubverschlüsse.
Also: Unser Trainer, Herr Wenz, keiner traute sich damals von uns ihn Willi zu nennen, war Betriebsleiter in dieser Kapselfabrik. Aber man merkte gleich, sein Hauptinteresse galt dem Rudersport, bis ins hohe Alter war er täglich und am Wochenende im Verein oder auf Regatta. Jetzt wurde hart, professionell bei uns trainiert, mit den Aktiven aus dem MRC konnten wir auf jeder Regatta eine schlagkräftige Gruppe in verschiedenen Bootsklassen an den Start bringen. Ein Ruck ging durch den Verein. Annemarie Vanvor war Deutsche Meisterin im Damen Einer. Mein neuer Partner im Doppel Zweier, von der Jungmann Klasse bis zur Senioren Meisterklasse, wurde Udo Hild. Wir konnten fast alle Rennen, die wir zusammen ruderten gewinnen. Udo, der zwei Jahre älter war als ich, hatte seinen Militärdienst schon hinter sich, ich musste das noch erledigen. Nach 18 Monaten Grundwehrdienst ging ich als Decksmann und Koch von Bord eines Landungsbootes der Schiersteiner “Flusspionier Kaserne 745” am Schiersteiner Hafen.
Udo bekam einen neuen Ruderpartner im Doppelzweier. Er war sehr erfolgreich, wurde mehrfacher Deutscher Meister im Einer und Doppelzweier und war Teilnehmer im Endlauf bei den Olympischen Spielen in Mexiko.

Mit Rudern war kein Geld zu verdienen, also musste ich Prioritäten setzen und an die Zukunft denken, das erklärt mein Abschied aus Mainz. Auch wollte ich meinem Vater beweisen, dass ich selbstständig für mich sorgen konnte. In Nürnberg machte ich in drei Semester Abendschule meinen Industriemeister, Handwerksmeister und Galvanotechniker – Abschluss mit Diplom. Nach dem ich mit der Vorstellung meiner Eltern über meine berufliche Zukunft nicht übereinstimmen konnte, ging ich beruflich nach München, wo ich dann noch zwei Firmen gründete.

Meine langjährige Freundschaft zu meinen Ruderfreunden in Mainz habe ich dabei nicht vernachlässigt. Das war gut so, denn bis heute bin ich stolz darauf, Wolfgang und Erich zu meinen besten Freunden zählen zu dürfen.

Unter dem Trainer Willi Wenz hatten wir eine der erfolgreichsten Zeiten des Vereins, teilweise konnten wir den MRV in Mainz auf die Plätze verweisen. Das war aber nur für eine relativ kurze Zeit möglich, beim MRV mit seinen privaten und finanziellen Möglichkeiten konnten die Sportstudenten vom USC und bereits erfolgreiche Ruderer aus dem Rheinland von Worms bis Köln bessere Bedingungen in jeder Hinsicht vorfinden.

Zu dieser Zeit, nach Gründung des ZDF, “Zweites Deutsches Fernsehen”, kamen auch viele ruderbegeisterte Fernsehleute aus ganz Deutschland nach Mainz und fanden eine Heimat bei der MRG. Das tat dem Verein hinsichtlich seiner Mitgliederzahl sehr gut, brachten doch die ZDFler auch Geld für Ruderboote mit.
Man bevorzugte aber hauptsächlich das gesellige Wanderrudern, eine tolle Freizeitsportart, bei der Freundschaften, auch über Mainz hinaus geknüpft wurden. Das Rennrudern wurde dadurch etwas vernachlässigt, hatten doch bald die ZDFler das Sagen im Verein.
Ich selbst fand das gar nicht schlecht, so konnte der Verein überleben, allerdings war ich zu diesem Zeitpunkt schon in München, wo ich bei der RGM 72 am Olympia Rudergelände in Feldmoching meinen geliebten Rudersport weiter ausüben konnte. Die RGM München 72 gründete sich kurz nach den Olympischen Spielen 1972, man hatte ein neues Ruder- und Paddelrevier mit internationalen Ausmaßen zur Verfügung. Die nun vorhandenen Hallen und Gebäude auf dem Rudergelände wurden von den Münchner Vereinen besetzt. Auch die Uni-Ruderer sowie die Paddelvereine bekamen dort eine neue Heimat. Der MRC und der MRSV, also der Münchener Ruder Club aus Starnberg, sowie der Münchener Ruder und Segelverein, ebenfalls aus Starnberg konnten ab jetzt olympisch trainieren. Technisch und sportlich einwandfrei, aber als Trainingsort doch auf die Dauer sehr langweilig. War nicht so wichtig für mich, denn zu diesem Zeitpunkt wagte ich den Sprung in die Selbstständigkeit, ruderte nur noch zum Ausgleich zu meinem intensiven Berufsleben. Trotzdem konnte ich mit der RGM 72 und auch danach mit dem Ingolstädter Ruder Club noch einige schöne Siege erringen.

Wir Ruderer halten immer noch Kontakt, besonders mein Freund Wolfgang Perske aus Mainz Wackernheim und Erich Dieckmann aus Saulheim sorgen dafür, dass wir uns nie aus den Augen verlieren. Kam ich mal nach Mainz, musste natürlich gleich gerudert werden und alle zur Verfügung stehenden alten Kameraden wurden aktiviert, da gab es keine Entschuldigung. Bis heute bin ich dem Wassersport treu geblieben.

Ich wohne jetzt in Leibnitz, Steiermark. In Graz lebte ich bis zur Rente. Rudern auf der Mur in Graz war schwierig. Es gab auch bis zur Stauung der Mur im Jahr 2000 keinen Ruderverein. So sattelte ich vom Rudern zum Paddeln um, was auf der Mur, den Seen und Flüssen in der Steiermark sehr gut möglich ist. Auch bin ich StandUp-Paddler geworden, das ist im hohen Alter für Koordination und Gleichgewicht sehr vorteilhaft.

Jetzt lebe ich schon wieder 23 Jahre hier in Österreich. Bin sehr glücklich verheiratet und genieße mit meiner lieben Frau in der Südsteiermark, (auch Steierische Toskana genannt), meinen wohlverdienten (Un)Ruhestand.

Aber den Ehrgeiz und eine gewisse Härte und den Willen zum Gewinnen lernte ich beim Rudersport. Im Bootshaus wurde ich anerkannt, war ein wichtiger Teil der Mannschaft, was mein Selbstwertgefühl enorm stärkte. Es war eine schöne, erfolgreiche Zeit, alle aus dem Jugendvierer wurden zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft, alles im Rahmen unserer kleinen Welt.
Schon in frühester Jugend habe ich die DNA des Rudersports in mir aufgesaugt. Die Schönheit dieses Sportes, auch die Härte und der Wunsch immer mit vorne dabei zu sein, habe ich meiner wunderbaren Jugendzeit in Mainz bei der MRG zu verdanken.

Mit vielen guten Wünschen für die MRG 1898 verbleibe ich mit rudersportlichen Grüßen …